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Die Dramaturgie spannender Beiträge

Die Art, wie ein Text oder ein Beitrag erzählt wird, ist kriegsentscheidend für seine Reichweite bzw. Quote. In 95% der Fälle ist das heute deskriptiv. Alles muss beschrieben werden – das nennt man dann Feature und versucht möglichst viel hineinzupacken: O-Töne, Handlungen, Hintergründe, Erklärungen. Heraus kommt eine Mischstruktur, die Zuschauer eher langweilt, als begeistert.

Vergleichen wir mal zwei tatsächlich gedrehte Beiträge über SMS Parken, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine ist das klassische Feature. O-Töne von den Mitarbeitern der Behörde, die auf SMS Parken umgestellt hat, von Fachleuten, dem Bürgermeister, Bürgern. Dazu werden alle verfügbaren Infos in den Beitrag gepackt. Wie funktioniert das Gerät, politische Meinungen undundund. Man kann es sich bildlich vorstellen: Das Feature ist langweilig, weil es nicht an einem Menschen erzählt wird und keine Storytellingstruktur hat.

Dabei ist Storytelling die lebensnaheste Form. Es gibt eine Hauptfigur, die Gegner überwinden muss, um zu einem Ziel zu gelangen. Im Falle der SMS Parkscheinfilme also der Journalist, der sagt: Ich möchte hier parken. Hier gibt es aber nur SMS Parken (Machtveränderung, Akt 1). Ich habe das noch nie gemacht – also schaut mir zu bei meinem Selbstversuch (Machteroberungsphase, Akt 2). Das hier geschieht, während ich SMS Parken ausprobiere – und das halte ich vom SMS Parken (Machtumsetzungsphase, Akt 3).

Bei der Süddeutschen Zeitung wurde neulich eine Journalistin ausgesendet, um über eine Kunstperformance zu berichten. Menschen zogen sich nackt aus und wurden bemalt. Die Journalistin entschloss sich zum Selbstversuch und machte mit. Sie zog sich aus, war bereit sich total zu öffnen und eine Writer’s Journey anzutreten. Doch offensichtlich durfte sie den Artikel nicht aus Ich-Erzählersicht schreiben, weil das nicht den journalistischen Gepflogenheiten der Süddeutschen Zeitung entspricht. Anstatt dessen schrieb sie einen normalen Bericht über eine Kunstperformance und kein spannendes, selbst erlebtes Abenteuer.

Ein weiteres dramaturgisches Problem: Nachrichten in Zeitungen und im Fernsehen werden häufig nach der umgekehrten Pyramide gebaut – im ersten Satz, im ersten Bild wird die wichtigste Information erzählt. Dadurch wird der Rest des Artikels oder des Beitrags obsolet. Das führt wiederum dazu, dass wir die langen Texte überspringen, von Überschrift zu Überschrift hüpfen und nichts für unser eigenes Leben mitnehmen. Für das Fernsehen bedeutet das, dass die Beiträge kürzer werden. Man braucht ständig spektakuläre Inhalte, um den Zuschauer überhaupt gewinnen zu können. Diese Nachrichtensendungen gehen an der Customer Journey vorbei. Es gibt keine Transformation. Wir schauen fassungslos zu, ohne zu begreifen oder etwas zu lernen.

Die meisten Artikel und Beiträge werden kalt recherchiert. Es gibt weder Handlungsträger noch Handlung, keiner war dabei. Dafür gibt es viele Gemeinplätze, denn oft besteht die Aufgabe der Journalisten darin, zu füllen. So wird ein Satz zu einer ganzen Nachricht aufgebauscht, zu der es aber eigentlich keine großen Infos gibt. Dass so eine Arbeitsweise nicht nur üblich, sondern sogar erwünscht ist, zeigt, in welcher Krise der Journalismus steckt.

Wie kann man das ändern? Indem der Mensch nicht als Opfer seiner Lebensumstände gezeigt wird, sondern aktiver Handlungsträger wird. „Schlag den Raab“ ist ein gutes Beispiel für angewandte Spielfreude. Auch Sendungen wie Galileo setzen ganz gezielt Gamification ein. Da wird zum Beispiel der Galileo-Reporter Klas Bömecke unwissentlich in eine Situation geschickt, die es zu bewältigen gilt. Mit versteckten Kameras wird er dabei beobachtet, wie er überraschend auf eine Unfallsituation zwischen Motorrad- und Autofahrer stößt. Sichert er die Unfallstelle ab? Leistet er erste Hilfe? Setzt er den Notruf zeitig und sachgemäß ab? Wie stabil ist er emotional in einer Stresssituation und kann er die Ruhe bewahren?

Auch gut: Der Radiosender Antenne Bayern, der auf die zahlreichen Geisterfahrer der letzten Zeit mit der wiederholten Ansage reagiert hat, wie man sich bei einer Geisterfahrermeldung richtig verhält. Von solchen Sendungen und Ideen profitieren Zuschauer und Zuhörer. Anstatt Schockstarre bieten sie einen hohen Kundennutzen, anstatt Entsetzen einen Lerneffekt. So müssen sie aussehen, die Nachrichten der Zukunft. Nur dann können wir den Status Quo nutzen, um die Zukunft positiv zu verändern.

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