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Welche Rolle spielt Humor?

Wir alle lachen gerne. Deshalb steigt auch die Quote, wenn im Fernsehen eine gute Comedy läuft. Doch in Deutschland traut man sich oft nicht ran, an den Humor. „Comedy ist die Königsklasse“ hört man dann und damit ist die Diskussion meist beendet.

Ich halte das für falsch. Humor entsteht da, wo Raum ist. Wohl auch aus diesem Grund hat Eckart von Hirschhausen bei einem Vortrag mal rote Clownsnasen an alle Anwesenden ausgeteilt und gesagt: „Jeder hat Humor, wenn er ihn zulässt.“

Aber was ist Humor eigentlich? Das weiß John Vorhaus, Autor des Buches „The Comic Toolbox – How to be funny, when you are not“. Als er 12 Jahre alt war, verliebte er sich in ein Mädchen aus seiner Klasse. Ihr Name war Leslie und er bewunderte sie aus der Ferne, verknallt bis über beide Ohren. Eines Tages hörte er sie in der Mathestunde sagen, dass ihre Familie wegziehen würde. John stand unter Schock – sein Leben war zu Ende. Das durfte, das konnte nicht wahr sein. Er zeigte auf, in der Hoffnung, mehr zu erfahren. Als er endlich dran kam, fragte er aufgeregt: „Leslie, wohin zieht ihr und warum?“ Die ganze Klasse schaute ihn erst fassungslos an und brach dann in Gelächter aus – denn er hatte mit dieser einen Frage all seine sorgsam versteckten Gefühle  des letzten Jahres offenbart. Sicher einer der schlimmsten Momente in John Vorhaus Leben. Aber auch der, der ihn zur Quintessenz von Humor führte: Comedy is truth and pain.

Humor ist nur möglich, wenn man zeigt, worum es wirklich geht – was einem wirklich wichtig ist. Die Wahrheit, egal wie schmerzhaft. Denn Humor ist alles andere als oberflächlich. Um witzig zu sein, braucht man ein tiefes Verständnis und eine Liebe zur Unvollkommenheit der Menschen. Man denke nur an die Aufwach-Szene im ersten Teil von Hangover. Wer das Scheitern zulässt, erntet Lacher.

Eine andere wichtige Erkenntnis: Genialer Humor, dicht erzählt, entsteht immer erst dann, wenn Menschen furchtlos zusammenarbeiten. Sicher gibt es Hochbegabungen, die eine Comedy alleine entwickeln können. Doch erst durch Kollaboration werden unvergessene Szenen gestaltet.

Nora Ephron, die Drehbücher für Blockbuster wie „Schlaflos in Seattle“ oder „e-m@il für Dich“ schrieb, hat für ihre Orgasmusszene in „Harry und Sally“ weltweit Lacher geerntet. Doch dass die Szene so auf den Punkt war, verdanken wir nicht nur ihr, sondern der Zusammenarbeit zwischen Autorin, Regisseur Rob Reiner und den Schauspielern.

Die berühmte Szene fußte auf einem Gespräch zwischen Reiner und Ephron, der von ihr wissen wollte, was Männer nicht über Frauen wüssten. Ihre Antwort: „Wir täuschen Orgasmen vor.“ Seine erste Reaktion: „Nicht bei mir.“ Doch als der erste Schock überwunden war, wollte Reiner genau diese Wahrheit im Film thematisieren. Im Nachgang war es Meg Ryans Idee, die Szene in einem Restaurant spielen zu lassen, während Billy Crystal mit dem berühmten Einzeiler auftrumpfte: „Ich will genau das, was sie hatte.“

Humor ist das Vermögen, Wahrheiten zuzulassen, Verletzlichkeiten preiszugeben und die Unvollkommenheit zu umarmen. Oder anders gesagt: Was im ersten Moment am Schlimmsten ist, ist im Rückblick oft am Komischsten. Es gibt Comedians, die das verstanden haben und sich mit dieser Erkenntnis auf eine Bühne trauen. Aber wäre es nicht toll, wenn wir in Deutschland endlich mal den Mut hätten, nicht nur über Andere zu lachen, sondern auch über uns selbst? Öffentlich, im Fernsehen, da wo alle zuschauen? In Comedies, die unsere Themen behandeln und da ansetzen, wo es weh tut? Dazu bräuchte es nur ein bisschen Mut. Und das wäre dann auch die Königsklasse.

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