Stationen der Heldenreise Stufe 3

Stationen der Heldenreise: Stufe 3 „Verweigerung des Rufs“

Stationen der Heldenreise Stufe 3
Stationen der Heldenreise Stufe 3

Stationen der Heldenreise:
STUFE 3 "Verweigerung des Rufs"

In unserem Leben gibt es immer wieder neue Chancen – aber oft sind wir nicht sofort bereit, diese wahrzunehmen, uns den neuen Möglichkeiten zu öffnen, eine Schwelle zu überschreiten und Heraus­forderungen anzunehmen.

Dieses Phänomen nennt Joseph Campbell in seiner Heldenreise „Verweigerung des Rufs“ oder „Refusal of the call“. Heißt: wir nehmen wahr, dass etwas uns “ruft”, haben aber gute Gründe, uns nicht auf die Reise zu begeben, diesem Ruf nicht zu folgen. Vielleicht ist es die Angst, aus einem bestehenden Lebensrhythmus oder Umfeld auszubrechen. Die Angst vor Gefahren, die im Rahmen einer neuen Erfahrung auf uns lauern. Oder einfach das Timing, das nicht stimmt.

Disney erzählt in seinen Animations­filmen gerne an der Heldenreise entlang. Und – wie in Musicals – eignen sich besonders die Filmsongs dazu, einzelne Stationen der Heldenreise in einem mini Höhepunkt zu verdichten.

Die Stufe 3 der Heldenreise "Verweigerung des Rufs" –erklärt am Disney Filmsong "Into the Unknown" aus Frozen II

Wie genial Disney Storytelling lebt, schauen wir uns heute am Beispiel von Elsas Song „Into the Unknown“ aus dem Animationsfilm Frozen II an. Alleine der Songtitel ist ein Volltreffer. Denn in der Heldenreise reist der Held (Protagonist) von der „Ordinary World“ in die „Unknown World“. Der Titel bringt auf den Punkt, warum Elsa den Ruf erstmal ablehnt: Sie hat Angst vor der unbekannten Welt und den Geheimnissen und Gefahren, die diese bereithält.

”It's an anthem that kids, and adults, can really relate to - that sense of, you're being called to go do something, but you don't know what it is or where it's going to lead you ... It sort of says, ‘Follow your calling.'” (Clark Spencer, Präsident der Disney Animation Studios zur Los Angeles Times)

Du möchtest genau verstehen, wie der Filmsong „Into the Unknown“ die Heldenreise Stufe 3 verkörpert? Dann:

    1. Nimm Dir Stift und Zettel.
    2. Schau Dir alle drei Videos in diesem Blogartikel von Anfang bis Ende an. 
    3. Lies meine Gedankengänge, die Du unter jedem einzelnen Video findest. Mach Dir Notizen. Was fesselt Dich? Wo hast Du Fragen? 
    4. Schau Dir den Filmausschnitt, in dem Elsa „Into the Unknown“ singt, erneut an. Lass es auf Dich wirken – und siehe da, Du wirst den Ausschnitt aus Storyteller-Sicht sehen. Du wirst verstehen, warum diese Sequenz Dich berührt und beim Anschauen an eine eigene Stufe 3 denken.

Story – Elsas "Verweigerung des Rufs" im Filmausschnitt aus Frozen II

Schau Dir den Ausschnitt aus Frozen II einmal in voller Länge (und mit voller Lautstärke) an. Danach analysieren wir gemeinsam, wie das perfekte Zusammenspiel von Story (Songtext), Musik und Animation die Heldenreise Stufe 3 „Verweigerung des Rufs“ verkörpern. 

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Schon im Songtext kannst Du immer wieder erkennen, wie Elsa den Ruf wahrnimmt und verdrängt. Besonders in einigen Zeilen der ersten beiden Strophen wird das mehr als deutlich:

„I can hear you, but I won’t“,

“You’re not a voice, you’re just a ringing in my ear”,

“I’m sorry, secret siren, but I’m blocking out your calls”.

Ab der dritten Strophe ändert sich der emotionale Duktus. Elsa erkennt an, dass am Ruf „was dran sein könnte“ und fühlt sich immer stärker zur unbekannten Welt hingezogen:

 „Every day’s a little harder as I feel your power grow, Don’t you know there’s part of me that longs to go”.

Musik – spürbare emotionale Anspannung mit Zauberkräften komponiert

Die Songwriter von „Into the Unknown“ sind Bobby Lopez (einer von nur 16 Menschen weltweit die einen Emmy, einen Oscar, einen Grammy und einen Tony Award gewonnen haben) und seine Frau Kristen Anderson-Lopez (2 Grammys, 2 Oscars). Gemeinsam erzählen sie in diesem Interview, wie sie den Song entwickelt haben.

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Vielleicht noch zur Erklärung des „vamps that has the 3 in the morning kind of feel”. Der Begriff Vamp bezeichnet im Jazz eine Begleitfigur, die meist in einer kurzen, sich ständig wiederholenden melodischen Abfolge besteht – hier auf dem Piano gespielt.

Was ich beim Anschauen des Videos spannend fand: wie Kristen ihrem Mann musikalische Zauberkräfte zuspricht – denn ich denke, das ist das wirkliche Geheimnis hinter solchen Disney-Erfolgen. 

Es muss Musical-Wizards geben, die in ihrer Sprache einen Ruf und die darauf antwortende Verweigerung des Rufs komponieren können. Die genau wissen, welchen Soundteppich in welcher Tonart sie ausbreiten müssen. Und an welcher Stelle im Song die Schlaginstrumente Elsas Herzschlag imitieren müssen, um ihre emotionale Anspannung zu zeigen – achte mal drauf, Minute 1:50, nachdem Elsa aus der Rundbogen-Tür getreten ist.

Animation – Hinwendung und Abwendung vom Ruf in Bewegung und Körpersprache umgesetzt

Genauso muss es Animateure geben, die die Dynamik des Songs in Bilder umsetzen können, und dabei Emotionen und Gedanken in Körpersprache, Mimik und Gestik übertragen. Wie wichtig dabei das Storyboard ist und wie dramaturgisch exakt Elsa von der Verweigerung des Rufes zur ersten Akzeptanz eines möglichen Abenteuers geführt wird, ist verblüffend. 

Merke: eine gute Story hat immer eine mathematisch-dramaturgische Grundlage, die dann mit künstlerischem Handwerk und emotionalem Finetuning berührend wird.

Ich füge Dir hier nochmal ein Video ein, in dem Song und Storyboard im Split-Screen gezeigt werden. Unterhalb des Videos kannst Du genauer nachlesen, auf was Du beim Anschauen achten solltest, um die „Verweigerung des Rufs“ auch aus Animationssicht besser zu verstehen.

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Die sich wiederholende in Bewegung und Körpersprache umgesetzte Hinwendung und Abwendung vom Ruf ist hier deutlich erkennbar: Augen zu, Augen auf. Kopfkissen über den Kopf ziehen, Kopfkissen resigniert weglegen. Aus dem Fenster schauen, auf die schlafende Schwester schauen. Durch die erste Tür, die Schlafzimmertür, gehen – diese aber mit Blick zurück ins Schlafzimmer und sehr behutsam schließen. Zuerst rückwärts auf den Flur schreiten, sich erst danach umdrehen.  

Bevor Elsa auf den Balkon tritt, wendet sie sich nach links und rechts, ringt mit sich. Ihr ganzer Körper drückt ihre Zerrissenheit aus – bis sie endlich Mut fasst, die Tür aufstößt und sich das erste Mal ohne häuslichen Schutz den Elementen aussetzt. Schau genau hin, wie dezidiert die Animateure bei den ersten Schritten auf dem Balkon Elsas Mimik und Gestik nutzen. 

Obwohl es nur wenige Sekunden sind, kann man klar eine Mischung aus Vorsicht, Neugier, Scham, Staunen und Begeisterung erkennen. Danach das Durschreiten des steinernen Rundbogens – diesmal ist es keine Tür mehr, die sie öffnen muss. Auch das zeigt, wie fortgeschritten die Hinwendung zum Ruf ist. Bis dann in Minute 2:23 die Zauberkräfte einsetzen und Elsa von Schnee, Eis und Glitzer durch das letzte Drittel des Songs getragen wird. Sie drängt immer leidenschaftlicher der unbekannten Welt entgegen.

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Als ich 1988 mit meinem Studium für „Film- und Fernsehspiel“ startete, ging für mich ein absoluter Traum in Erfüllung. An der Hochschule für Film und Fernsehen in München Regie zu studieren – das war mein Ziel gewesen. Dass ich die Hochschule aber bereits im Jahr 1992 und zwar erstmal ohne Abschluss verlassen würde, damit hätte ich nie gerechnet. Aber: es gibt halt Chancen, die sich nur einmal im Leben bieten. Und bei denen man zugreifen muss.

Der renommierte Regisseur und Oskargewinner Volker Schlöndorff war nach dem Mauerfall 1989 mit der historischen Aufgabe betraut worden, das ehemalige UFA und dann DEFA Filmstudio in Potsdam zu neuen Ehren zu führen und „den deutschen Film zu retten“.

Wie im Leben manchmal eins zum anderen kommt, weiß man oft gar nicht. Tatsache war, dass ich Volker von dem Regisseur Anno Saul empfohlen wurde, als er einen persönlichen Assistent suchte. Und so zog ich im Herbst 1992 nach Berlin und startete am 2. November im Filmstudio Babelsberg.

2018 kehrte ich übrigens mit meiner Frau und meinen Kindern für eine private Führung dorthin zurück – ein paar Eindrücke von diesem Tag seht ihr im Video:

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Ich wurde Assistent von Volker Schlöndorff im Studio Babelsberg

Meine Aufgabe in Babelsberg bestand darin, Volker in allem zu unterstützen, oft auch in der Rolle des Junior Producers. Ich las über 2000 Drehbücher, um diese auf ihre Storyqualität und ihre Tauglichkeit zur Verfilmung zu prüfen. Gleichzeitig gab ich eine Einschätzung ab, ob wir mit in die Finanzierung eines Filmes, einer Geschichte reingehen sollten – die sogenannte „Co-Produktions-Prüfung“. Ich bereitete Besprechungen vor und nach und machte eben alles, was ein Assistent so macht.

Lunch mit Regielegenden, Studiotouren mit Don Johnson und Hugh Grant – die Erlebnisse in Babelsberg bleiben unvergessen.

In meinen zwei Jahren in Babelsberg – denn danach ging ich an die HFF zurück und beendete mein Studium – hatte ich viele unvergessliche Erlebnisse. Manchmal einfach im Berufsalltag, weil wir immer an spannenden Projekten arbeiteten. Aber auch bei den VIP Führungen über unser Gelände, für die ich verantwortlich war.

Ich habe mit Regielegenden wie Francis Ford Coppola und Louis Malle zu Mittag gegessen und Billy Wilder die Studios gezeigt, genauso wie den Hollywood Stars Don Johnson und Hugh Grant. Habe Volker Schlöndorff beim Filmfest in Cannes vertreten und dort Regisseure wie Jean-Pierre Jeunet (Die fabelhafte Welt der Amélie) und Stephen Frears (Gefährliche Liebschaften) getroffen. Immer mit der Aufgabe, sie für Drehs in „unseren“ Studios zu begeistern.

Genauso habe ich ganz leise Momente gehabt, mit bereits verstorbenen deutschen Schauspielern und Regisseuren wie Manfred Krug, Ulrich Mühe und Horst Wendtland. Menschliche Begegnungen, die mich geprägt haben und die ich immer als Schatz in meinem Herzen tragen werde.

Noch eine kleine Anekdote zum Schluss:

Als ich nach Berlin kam, hatte ich natürlich kaum Geld, denn ich war ja eigentlich mitten im Studium. Weil das Filmstudio in Postdam knapp eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt lag, hatte ich einen alten Kadett, der mich relativ zuverlässig von A nach B brachte – aber natürlich in diese neue schicke Welt, in der ich mich bewegte, überhaupt nicht reinpasste.

Volker Schlöndorff hatte damals einen Fahrer, der ihn in einem Mercedes umherkutschierte. Privat fuhr Volker einen Jaguar, den der Schriftsteller Max Frisch ihm geschenkt hatte, weil er Volkers Arbeit so schätzte. 

Als Volker eines Abends meinte „Bringst Du mich heute nach Charlottenburg, dann haben wir noch Zeit zu reden?“ rutschte mir kurz das Herz in die Hose. Denn die Beifahrertür meines alten Kadetts hatte die Angewohnheit, leicht aus den Angeln zu fallen und danebenzuhängen, wenn man sie ganz öffnete. Und genau so passierte es dann auch. Volker öffnete die Tür, sie hing sich aus und er lachte und hing sie wortlos wieder ein. 

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