Story Checklist

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Was macht eine Geschichte aus? Und welche Merkmale hat sie, an denen ich glasklar erkennen kann: Das hier ist eine Story! Ich habe eine der bewegendsten wahren Geschichten herausgesucht, die ich je gehört habe. Gemeinsam werden wir diese anhand der Story Checklist (am Ende des Posts auch zum Download!) analysieren.

Was ist passiert?

Als Desireé Rodriguez 1986 als 9-jährige von zwei Fischern aus dem Pazifik gerettet wird, ist sie die einzige Überlebende eines Schiffsunglücks, bei dem ihr Vater, ihre Mutter, ihre Tante, ihr Onkel und ihre Schwester vor ihren Augen sterben.

All die Jahre haben sich die Retter Paul Strasse und Mark Pisano, gefragt, was aus dem kleinen Mädchen geworden ist. Aber ihre Versuche, Desireé aufzuspüren, blieben erfolglos.

Dass es doch zu einer Wiedervereinigung kommt, liegt an dem Podcast „Friedmann Adventures“, in dem Philip Friedman mit Fischern eigentlich über Boote und Fischfang spricht – und in dem auch die beiden Retter ihre Geschichte erzählen. Ein Arbeitskollege von Desireè hört die Episode und es entsteht ein Plan zur Wiedervereinigung. 

Desireé soll mit den Fischern gemeinsam in den Podcast kommen – und gibt sich dafür als Raquel aus. Sie spielt eine Übersetzerin, die die Geschichte der Fischer im spanischen TV erzählen wird. 

Ab Minute 9:30 seht ihr den Moment, in dem die Retter begreifen, dass nicht Raquel, sondern Desireé vor ihnen sitzt. Und JETZT beginnt auch die eigentliche Geschichte, denn Desireé erzählt, was damals genau passiert ist.

Die Geschichte hat ALLES, was eine Geschichte haben muss. Mir haben sich mehrfach die Haare aufgestellt. Diese Geschichte betrifft mich, auch wenn ich die Beteiligten nie kennenlernen werde. Sie macht etwas mit mir, ich lerne viel und sie verändert mich.

Ich empfehle euch, das Video ab spätestens Minute 9:30 anzuschauen – und verspreche euch, dass sie sich auch in eurem Gedächtnis einbrennen wird.

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Hier einmal die ausgefüllte Story Checklist:

Durchlebe ich ein spannendes Handlungsgeschehen?

Eindeutig: ja. Vor allem, da Desireé sehr präsentisch erzählt und ich als Zuhörer nicht weiß, was als nächstes passiert. Es ist, als wäre ich live während der Geschehnisse dabei.

Lerne ich eine nützliche Lektion?

Mehrere. Dass es überlebenswichtig ist, eine Rettungsweste zu tragen. Übergewicht bei Kälte im Wasser schützt. Es Sinn macht, in solch einer Situation beim Schiffswrack zu bleiben, weil das größer ist und einfacher auszumachen. Dass ich eine Leiche an ein Boot binden kann, damit sie nicht wegschwimmt. Dass ich nach extremer Unterkühlung vorsichtig sein muss, wenn ich die unterkühlte Person aufzuwärmen versuche – und schon warmes Wasser sich wie eine Verbrennung anfühlen kann. Auch der „Mind over matter“ Hinweis, den Desireé in einem anderen Zusammenhang gibt, scheint dieser Geschichte zu entspringen.

Identifiziere ich mich?

Ja – ich fiebere mit Desireé mit. Aber ich kann mich auch mit anderen Personen identifizieren. Mit dem Vater, der wegschwimmt. Der Tante, die versucht die kleine Desireé abzulenken und ihr ein Gefühl von Hoffnung zu vermitteln. Und natürlich spüre ich auch die Emotionen der Fischer, die sich 35 Jahre lang gefragt haben, was an diesem Tag genau passiert ist und was aus dem Mädchen geworden ist.

Reflektiere ich meine persönliche Geschichte

Es geht gar nicht anders. Ich stelle mir vor, was ich gemacht hätte. Und ich sehe meine Mutter, meine Tante sterben und meinen Onkel wegschwimmen.

Werde ich besser fürs Leben gerüstet?

Sowohl die praktischen Aspekte der Geschichte geben mir Rüstzeug. Als auch das Wissen, dass solch ein Unglück – physisch und psychisch – überlebbar ist.

Erlebe ich Zugehörigkeit, Rangordnung, Ausgestoßensein

Schon in den Verhaltensweisen „Der Vater schwimmt los, um Hilfe zu holen“ und „ Der Onkel gibt auf“ erlebe ich eine Rangordnung. Zugehörigkeit spüre ich besonders in den verbindenden, liebevollen Momenten zwischen der Tante und Desireé. Im Hinweis, die Mutter festzubinden, damit sie nicht wegschwimmt, sondern bei ihnen bleibt. Oder im halluzinierenden Lachen und der Vorstellung, unter warme Decken kriechen und Room Service bestellen zu können, wenn das Ganze vorbei ist.

Erlebe ich gespannt, wie man durch Widerstände wächst?

In diesem Fall vielleicht eher: wie man trotz widriger Umstände überlebt. Natürlich musste Desireé über sich hinauswachsen, um diese Situation zu überleben. Aber an der Art, wie sie diese Geschichte erzählt – eher ablauf- und faktenorientiert – merke ich auch: da sind viele Dinge nicht verarbeitet. 

Verändert die Geschichte mein Weltbild?

Ich habe vorher nie wirklich darüber nachgedacht, wie solch ein Schiffsunglück im kleinen Rahmen vonstatten geht. Wir alle kennen die monumentalen Szenen aus dem Film Titanic. Aber fast wie in einem Bühnenstück erzählt zu bekommen, wie einer nach dem anderen seine Todesart wählt oder von ihr eingeholt wird, ist schockierend und faszinierend zugleich. Mich hat am meisten bewegt, dass auch im Tod der Charakter erkennbar ist.

Werde ich emotional geprägt?

Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen.

Erfahre ich Rückkehr in die Ganzheit?

Insofern, als dass dieses spezielle Video ja von der Zusammenführung handelt und die Beteiligten sich endlich die Fragen stellen können, die sie immer bewegt haben. So bekommt das Ganze auch für mich eine Geschlossenheit.

Story Checklist:

Hier findet ihr die Story Checkliste zum Download – um sie in Zukunft immer parat zu haben, wenn ihr einen Stoff entwickelt oder die Qualität eines Textes, eines Films oder eines Podcasts gegenchecken wollt.

Download Story Checklist: hier klicken.

Werbemittel Hofbräuhaus Traunstein

Brauerei Marketing

Werbemittel Hofbräuhaus Traunstein

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Wie kommt eine Bierflasche zu ihrem neuen Etikett? Ein Gespräch zwischen Brauer Maximilian Sailer und Uwe Walter über den Storytelling-Prozess im Hofbräuhaus Traunstein.

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MS: Kennengelernt haben wir uns bei einem Storytelling Workshop für die bayerischen Braujunioren. Ich habe gleich gemerkt: Du kannst mit den großen Geschichten und einer Brauerei unglaublich viel anfangen. 

UW: Für mich war das eine Entdeckung, dass Bier so narrativ ist – wie ein Paradies fürs Geschichten erzählen. Wie das Bier hergestellt wird, was die Menschen beim Bier trinken erleben, die Geschichte der Brauereien. Und dann zu sehen, was die Unternehmer in den Brauereien alles zusammenbringen. Sie müssen alle Ideen so verknüpfen, dass nachher eine runde Sache daraus wird. Auf ihrer Website, ihrem Etikett, im Marketing, auf Social Media, in der Teamführung – letztlich in allem.

MS: Intern haben wir zwar gefühlt: „Das, was wir an Werbeaussagen haben, ist schon gut.“ Aber nach ein, zwei Jahren hatte das der Mitbewerber dann auch auf dem Plakat stehen. Offensichtlich ist es doch nicht individuell und nicht das, was wir wirklich sind.

UW: Du hast mich damals angerufen und mich gefragt: Kannst Du uns helfen, das Profil der Brauerei zu schärfen? Ich bin zu euch rausgefahren, Du hast mir das ganze Hofbräuhaus Traunstein gezeigt und wir sind uns ziemlich schnell einig geworden.

Mit dem Geschichtenbaum zu den Wurzeln der Brauerei

MS: Deine erste Idee war, einen Storytelling-Baum zu gestalten. In zwei Tagen haben wir mit dem Team fast 200 Geschichten unserer Brauerei gesammelt und sie an den Baum gepinnt. 

Brauerei Marketing Workshop Traunstein
Brauerein Bier Marketing
Brauerei Marketing Workshop
Brauerei Marketing Workshop Hofbräuhaus Traunstein

Historische und traditionelle Geschichten an die Baumwurzeln. Die Baumkrone trägt all die Geschichten, die wir jetzt schreiben. Alle Abteilungen, alle Menschen, die diese Brauerei prägen. Und natürlich auch die ganzen Umstände drumherum. Der Himmel obendrüber, die Landschaft, die ganze Region.

Storytelling Baum

Zielgruppe, WHY und neue Etiketten

UW: Danach waren alle auf der „same page“, das war unsere Grundlage. Und dann ging ein richtiger Prozess los, mit unzähligen Fragen. Wie setzen wir das jetzt konkret um? Wie entwickeln wir das Marketing, die Brauerei, die Etiketten weiter? 

MS: Wir haben unsere Zielgruppen neu definiert, unser Why herausgearbeitet und hatten dann im nächsten Markenworkshop schon sehr viele Partner an der Seite. Vom Texter über die Grafikagentur, die Innenarchitektin für die Brauereiführungen. Da ging es auch schon ums Wappen, um die Etiketten. Die Themen kamen dann das erste Mal auf den Tisch – denn in dem Umfang war uns vorher gar nicht klar, wo wir da am Ende rauskommen. Es ist jetzt ein Jahr her, dass wir so in die konkreten Details gegangen sind.

Zielgruppen Analyse Storytelling Brauerei

UW: Ja, das war ein Riesenschritt. Die richtigen Menschen zu finden und die ersten Prototypen zu entwerfen für all diese Erlebnisbereiche.  

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„Das seid’s nicht ihr.“

MS: Und da hatten wir diesen A-HA Moment, als wir die fünf Entwürfe für die Etiketten unserer Biermarken bekommen haben. 

Ich weiß noch genau, dass ich sie Dir vorab geschickt habe und dann kam irgendwann eine irre lange Textnachricht mit dem Tenor „Wir müssen uns unterhalten“. Im Telefonat hast Du mir dann gesagt: „Lieber Maximilian, das seid’s nicht ihr.“ 

Und ich dachte: „Das ist ja der Wahnsinn. Wir haben jetzt ein Jahr lang gearbeitet, mit den Designern gesprochen. Jetzt wird doch bei einem von diesen Fünfen um Gottes willen einer dabei sein und dann machen wir einen Haken und dann ist eh noch genug zu tun.“

Ist das wirklich einzigartig?

MS: Eineinhalb Stunden haben wir telefoniert und Du hast gemeint: „Überleg einmal, das was da drin ist – ist das wirklich einzigartig? Seid das wirklich ihr? Oder ist das jetzt einfach etwas Modisches? Ihr seid doch nicht modisch. Ihr macht doch nichts, was man nach fünf Jahren wieder überarbeitet. Ihr müsst euch doch eigentlich hinsetzen und für jede einzelne Biersorte ein richtiges Booklet erarbeiten mit mehreren Seiten.“ 

Du hast das ins Detail analysiert und uns einen sehr guten Hinweis gegeben in die Richtung, wo es weitergehen soll.

Das hat sich ein bisschen wie die Stunde Null angefühlt und ich wusste gar nicht, wie ich damit jetzt umgehen soll. Ein paar Nächte drüber geschlafen hab ich. Und dann haben wir uns im gesamten Team zusammengesetzt und gesagt: „Naja, eigentlich hat er doch recht. Das ist wirklich was Modisches. Und jetzt, wo Du es sagst: So richtig gefallen hat es uns eigentlich auch nicht.“ Das kam dann so richtig raus aus den Leuten.

Die Stunde Null – wir nehmen jede einzelne Biermarke unter die Lupe und erstellen ausführliche Booklets

MS: Und dann haben wir gesagt: OK, wir starten nochmal von Null mit dem Thema Etiketten. Wir haben einen Brainstorming Prozess gestartet. Haben uns mit den Braumeistern, mit dem Marketing und dem Vertrieb zusammengesetzt und haben über Monate lang jedes einzelne Bier analysiert. Für jedes Bier mehrere Stunden lang alles aufgelistet und auf den Tisch gelegt. Die ganzen alten Werbemittel. 

Wie haben die Etiketten vor 100 Jahren ausgeschaut?  Was ist eigentlich die Sortenhistorie bei uns im Hofbräuhaus? Seit wann gibt es die Sorte? Wer trinkt denn diese Sorte eigentlich? Das war sehr aufwändig – aber wir haben damit was ganz Besonderes geschaffen.

Werbemittel Hofbräuhaus Traunstein

MS: Wir haben es geschafft, den Charakter, die Seele jedes einzelnen Bieres rauszuarbeiten. Das war wirklich ein Booklet von mehreren Seiten pro Biersorte, das als Briefing an die Designer ging. Und die haben dann in liebevoller Handarbeit jedes einzelne Etikett handgezeichnet, so dass es kleine Kunstwerke geworden sind.

Etikette zeichnen Bier Marketing

Letzte Korrekturphase

MS: Wir hatten dann wirklich die Etiketten im zweiten Gang schon so gut, aber trotzdem hast Du immer nochmal ein paar Details gebracht, wo Du sagst: „Achtet mal auf dies, achtet auf das.“ Das waren halt noch ganz wertvolle Hinweise von Dir. 

UW: Ja das fand ich auch nochmal eine Sternstunde. Wo wir nochmal gesagt haben: Wie bringen wir eine Linie rein, dass wir eine Produktfamilie haben? Es muss Selbstähnlichkeiten geben zwischen den einzelnen Biersorten und den Etiketten. Aber gleichzeitig brauche ich eine hohe Individualität jedes einzelnen Bieres. Das auszuloten war noch der letzte Baustein.

Die neuen Etiketten – ein Meisterwerk

UW: Und als ich dann die Ergebnisse gesehen habe war ich so glücklich und hatte wirklich da Gefühl: Das ist ein Meisterwerk.

MS: Ja – und so fühlt es sich für uns auch an.

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Was ist Storytelling

Was ist Storytelling?

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Was ist Storytelling?

Als ich das Glück hatte, von dem legendären Filmemacher, Fernsehproduzenten, Autoren und Philosophen Prof. Alexander Ernst Kluge zum Thema Storytelling interviewt zu werden, kam ich pudelnass im Studio an. Draußen tobte ein Jahrhundertsturm.

Herr Kluge lieh mir sein Sakko, das mir aber an den Schultern viel zu eng war. Daran liegt es, dass ich weniger gestikuliere - aber wenigstens war ich trocken.

Diese kleine Anekdote ist eigentlich sinnbildlich für das, was Alexander Kluge ausmacht. Er ist wirklich interessiert an Menschen, an ihren Geschichten und ihrem Wohlergehen – ein Zuhörer.

Dieses TV-Interview lief 2017 bei RTL auf einem ganz besonderen Sendeplatz. Denn Kluge ist es mit der Gründung der dctp (Development Company for Television Program) 1987 gelungen, eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen zu schaffen. Sein Bestreben ist dabei:

„Das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet“.

Einige der Themen, die wir in unserem intensiven Austausch über Storytelling ansprechen:

Teil 1: Storytelling

– Was unterscheidet Erzählen von Information?

– Wieso ist das chronologische Erzählen so wertvoll?

– Wieso ist Zuhören für Storytelling so wichtig?

– Wie die Unterdrückung von Individualität zu Krisen und Kriegen führen kann.

– Was ist die Heldenreise? Und wie hat George Lucas sie in Star Wars angewendet?

– Die Aufgabe des Traumas in einer Geschichte? Und die der Gefährten?

– Was macht einen Held aus?

– Was sind die Vorteile multiperspektivischen Erzählens?

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Teil 2: Jedes Tischtuch erzählt eine Geschichte

– Warum jeder Mensch interessant ist – und evolutionäres Know-how in sich trägt.

– Wie wir mit Geschichten das Leben erzählen können.

– Wie werden aus Geschehnissen Geschichten?

– Warum Geschichten Zeit und Humor brauchen.

– Wieso auch Tiere und Pflanzen kommunizieren – und wir ihre Sprache oft nicht (mehr) entschlüsseln können.

– Wer sind meine Lieblingserzähler? Wo bekomme ich meine Inspirationen?

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