Story Checklist

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Was macht eine Geschichte aus? Und welche Merkmale hat sie, an denen ich glasklar erkennen kann: Das hier ist eine Story! Ich habe eine der bewegendsten wahren Geschichten herausgesucht, die ich je gehört habe. Gemeinsam werden wir diese anhand der Story Checklist (am Ende des Posts auch zum Download!) analysieren.

Was ist passiert?

Als Desireé Rodriguez 1986 als 9-jährige von zwei Fischern aus dem Pazifik gerettet wird, ist sie die einzige Überlebende eines Schiffsunglücks, bei dem ihr Vater, ihre Mutter, ihre Tante, ihr Onkel und ihre Schwester vor ihren Augen sterben.

All die Jahre haben sich die Retter Paul Strasse und Mark Pisano, gefragt, was aus dem kleinen Mädchen geworden ist. Aber ihre Versuche, Desireé aufzuspüren, blieben erfolglos.

Dass es doch zu einer Wiedervereinigung kommt, liegt an dem Podcast „Friedmann Adventures“, in dem Philip Friedman mit Fischern eigentlich über Boote und Fischfang spricht – und in dem auch die beiden Retter ihre Geschichte erzählen. Ein Arbeitskollege von Desireè hört die Episode und es entsteht ein Plan zur Wiedervereinigung. 

Desireé soll mit den Fischern gemeinsam in den Podcast kommen – und gibt sich dafür als Raquel aus. Sie spielt eine Übersetzerin, die die Geschichte der Fischer im spanischen TV erzählen wird. 

Ab Minute 9:30 seht ihr den Moment, in dem die Retter begreifen, dass nicht Raquel, sondern Desireé vor ihnen sitzt. Und JETZT beginnt auch die eigentliche Geschichte, denn Desireé erzählt, was damals genau passiert ist.

Die Geschichte hat ALLES, was eine Geschichte haben muss. Mir haben sich mehrfach die Haare aufgestellt. Diese Geschichte betrifft mich, auch wenn ich die Beteiligten nie kennenlernen werde. Sie macht etwas mit mir, ich lerne viel und sie verändert mich.

Ich empfehle euch, das Video ab spätestens Minute 9:30 anzuschauen – und verspreche euch, dass sie sich auch in eurem Gedächtnis einbrennen wird.

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Hier einmal die ausgefüllte Story Checklist:

Durchlebe ich ein spannendes Handlungsgeschehen?

Eindeutig: ja. Vor allem, da Desireé sehr präsentisch erzählt und ich als Zuhörer nicht weiß, was als nächstes passiert. Es ist, als wäre ich live während der Geschehnisse dabei.

Lerne ich eine nützliche Lektion?

Mehrere. Dass es überlebenswichtig ist, eine Rettungsweste zu tragen. Übergewicht bei Kälte im Wasser schützt. Es Sinn macht, in solch einer Situation beim Schiffswrack zu bleiben, weil das größer ist und einfacher auszumachen. Dass ich eine Leiche an ein Boot binden kann, damit sie nicht wegschwimmt. Dass ich nach extremer Unterkühlung vorsichtig sein muss, wenn ich die unterkühlte Person aufzuwärmen versuche – und schon warmes Wasser sich wie eine Verbrennung anfühlen kann. Auch der „Mind over matter“ Hinweis, den Desireé in einem anderen Zusammenhang gibt, scheint dieser Geschichte zu entspringen.

Identifiziere ich mich?

Ja – ich fiebere mit Desireé mit. Aber ich kann mich auch mit anderen Personen identifizieren. Mit dem Vater, der wegschwimmt. Der Tante, die versucht die kleine Desireé abzulenken und ihr ein Gefühl von Hoffnung zu vermitteln. Und natürlich spüre ich auch die Emotionen der Fischer, die sich 35 Jahre lang gefragt haben, was an diesem Tag genau passiert ist und was aus dem Mädchen geworden ist.

Reflektiere ich meine persönliche Geschichte

Es geht gar nicht anders. Ich stelle mir vor, was ich gemacht hätte. Und ich sehe meine Mutter, meine Tante sterben und meinen Onkel wegschwimmen.

Werde ich besser fürs Leben gerüstet?

Sowohl die praktischen Aspekte der Geschichte geben mir Rüstzeug. Als auch das Wissen, dass solch ein Unglück – physisch und psychisch – überlebbar ist.

Erlebe ich Zugehörigkeit, Rangordnung, Ausgestoßensein

Schon in den Verhaltensweisen „Der Vater schwimmt los, um Hilfe zu holen“ und „ Der Onkel gibt auf“ erlebe ich eine Rangordnung. Zugehörigkeit spüre ich besonders in den verbindenden, liebevollen Momenten zwischen der Tante und Desireé. Im Hinweis, die Mutter festzubinden, damit sie nicht wegschwimmt, sondern bei ihnen bleibt. Oder im halluzinierenden Lachen und der Vorstellung, unter warme Decken kriechen und Room Service bestellen zu können, wenn das Ganze vorbei ist.

Erlebe ich gespannt, wie man durch Widerstände wächst?

In diesem Fall vielleicht eher: wie man trotz widriger Umstände überlebt. Natürlich musste Desireé über sich hinauswachsen, um diese Situation zu überleben. Aber an der Art, wie sie diese Geschichte erzählt – eher ablauf- und faktenorientiert – merke ich auch: da sind viele Dinge nicht verarbeitet. 

Verändert die Geschichte mein Weltbild?

Ich habe vorher nie wirklich darüber nachgedacht, wie solch ein Schiffsunglück im kleinen Rahmen vonstatten geht. Wir alle kennen die monumentalen Szenen aus dem Film Titanic. Aber fast wie in einem Bühnenstück erzählt zu bekommen, wie einer nach dem anderen seine Todesart wählt oder von ihr eingeholt wird, ist schockierend und faszinierend zugleich. Mich hat am meisten bewegt, dass auch im Tod der Charakter erkennbar ist.

Werde ich emotional geprägt?

Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen.

Erfahre ich Rückkehr in die Ganzheit?

Insofern, als dass dieses spezielle Video ja von der Zusammenführung handelt und die Beteiligten sich endlich die Fragen stellen können, die sie immer bewegt haben. So bekommt das Ganze auch für mich eine Geschlossenheit.

Story Checklist:

Hier findet ihr die Story Checkliste zum Download – um sie in Zukunft immer parat zu haben, wenn ihr einen Stoff entwickelt oder die Qualität eines Textes, eines Films oder eines Podcasts gegenchecken wollt.

Download Story Checklist: hier klicken.

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Werbemittel Hofbräuhaus Traunstein

Brauerei Marketing

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Brauerei Marketing mit Storytelling

Wie kommt eine Bierflasche zu ihrem neuen Etikett? Ein Gespräch zwischen Brauer Maximilian Sailer und Uwe Walter über den Storytelling-Prozess im Hofbräuhaus Traunstein.

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Maximilian Sailer (MS): Kennengelernt haben wir uns bei einem Storytelling Workshop für die bayerischen Braujunioren. Ich habe gleich gemerkt: Du kannst mit den großen Geschichten und einer Brauerei unglaublich viel anfangen. 

Uwe Walter (UW): Für mich war das eine Entdeckung, dass Bier so narrativ ist – wie ein Paradies fürs Geschichten erzählen. Wie das Bier hergestellt wird, was die Menschen beim Bier trinken erleben, die Geschichte der Brauereien. Und dann zu sehen, was die Unternehmer in den Brauereien alles zusammenbringen. Sie müssen alle Ideen so verknüpfen, dass nachher eine runde Sache daraus wird. Auf ihrer Website, ihrem Etikett, im Marketing, auf Social Media, in der Teamführung – letztlich in allem.

MS: Intern haben wir zwar gefühlt: „Das, was wir an Werbeaussagen haben, ist schon gut.“ Aber nach ein, zwei Jahren hatte das der Mitbewerber auch auf dem Plakat stehen. Offensichtlich ist es doch nicht individuell und nicht das, was wir wirklich sind.

UW: Du hast mich damals angerufen und mich gefragt: Kannst Du uns helfen, das Profil der Brauerei zu schärfen? Ich bin zu euch rausgefahren, Du hast mir das ganze Hofbräuhaus Traunstein gezeigt und wir sind uns ziemlich schnell einig geworden.

Mit dem Geschichtenbaum zu den Wurzeln der Brauerei

MS: Deine erste Idee war, einen Storytelling-Baum zu gestalten. In zwei Tagen haben wir mit dem Team fast 200 Geschichten unserer Brauerei gesammelt und sie an den Baum gepinnt. 

Brauerei Marketing Workshop Traunstein
Brauerein Bier Marketing
Brauerei Marketing Workshop
Brauerei Marketing Workshop Hofbräuhaus Traunstein

Historische und traditionelle Geschichten an die Baumwurzeln. Die Baumkrone trägt all die Geschichten, die wir jetzt schreiben. Alle Abteilungen, alle Menschen, die diese Brauerei prägen. Und natürlich die ganzen Umstände drumherum. Der Himmel obendrüber, die Landschaft, die ganze Region.

Storytelling Baum

Zielgruppe, WHY und neue Etiketten

UW: Danach waren alle auf der „same page“, das war unsere Grundlage. Und dann ging ein richtiger Prozess los, mit unzähligen Fragen. Wie setzen wir das jetzt konkret um? Wie entwickeln wir das Marketing, die Brauerei, die Etiketten weiter? 

MS: Wir haben unsere Zielgruppen neu definiert, unser Why herausgearbeitet und hatten im nächsten Markenworkshop schon sehr viele Partner an der Seite. Vom Texter über die Grafikagentur, die Innenarchitektin für die Brauereiführungen. Da ging es bereits ums Wappen, um die Etiketten. Die Themen kamen dann das erste Mal auf den Tisch – denn in dem Umfang war uns vorher gar nicht klar, wo wir da am Ende rauskommen. Es ist jetzt ein Jahr her, dass wir so in die konkreten Details gegangen sind.

Zielgruppen Analyse Storytelling Brauerei

UW: Ja, das war ein Riesenschritt. Die richtigen Menschen zu finden und die ersten Prototypen zu entwerfen für all diese Erlebnisbereiche.  

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„Das seid’s nicht ihr.“

MS: Und da hatten wir diesen A-HA Moment, als wir die fünf Entwürfe für die Etiketten unserer Biermarken bekommen haben. 

Ich weiß noch genau, dass ich sie Dir vorab geschickt habe und dann kam irgendwann eine irre lange Textnachricht mit dem Tenor „Wir müssen uns unterhalten“. Im Telefonat hast Du mir dann gesagt:

„Lieber Maximilian, das seid’s nicht ihr.“ 

Und ich dachte: „Das ist ja der Wahnsinn. Wir haben jetzt ein Jahr lang gearbeitet, mit den Designern gesprochen. Jetzt wird doch bei einem von diesen Fünfen um Gottes willen einer dabei sein und dann machen wir einen Haken und dann ist eh noch genug zu tun.“

Ist das wirklich einzigartig?

MS: Eineinhalb Stunden haben wir telefoniert und Du hast gemeint: „Überleg einmal, das was da drin ist – ist das wirklich einzigartig? Seid das wirklich ihr? Oder ist das jetzt einfach etwas Modisches? Ihr doch nicht modisch. Ihr macht jawohl nichts, was man nach fünf Jahren wieder überarbeitet. Eigentlich müsst ihr euch hinsetzen und für jede einzelne Biersorte ein richtiges Booklet erarbeiten mit mehreren Seiten.“ 

Du hast das ins Detail analysiert und uns einen sehr guten Hinweis gegeben in die Richtung, wo es weitergehen soll.

Das hat sich ein bisschen wie die Stunde Null angefühlt und ich wusste gar nicht, wie ich damit jetzt umgehen soll. Ein paar Nächte drüber geschlafen hab ich. Und dann haben wir uns im gesamten Team zusammengesetzt und gesagt:

„Naja, eigentlich hat er ja recht. Das ist wirklich was Modisches. Und jetzt, wo Du es sagst: So richtig gefallen hat es uns eigentlich auch nicht.“ Das kam dann so richtig raus aus den Leuten.

Die Stunde Null – wir nehmen jede einzelne Biermarke unter die Lupe und erstellen ausführliche Booklets

MS: Und dann haben wir gesagt: OK, wir starten nochmal von Null mit dem Thema Etiketten. Wir haben einen Brainstorming Prozess gestartet. Haben uns mit den Braumeistern, mit dem Marketing und dem Vertrieb zusammengesetzt und haben über Monate lang jedes einzelne Bier analysiert. Für jedes Bier mehrere Stunden lang alles aufgelistet und auf den Tisch gelegt. Die ganzen alten Werbemittel. 

Wie haben die Etiketten vor 100 Jahren ausgeschaut?  Was ist eigentlich die Sortenhistorie bei uns im Hofbräuhaus? Seit wann gibt es die Sorte? Wer trinkt denn diese Sorte eigentlich? Das war sehr aufwändig – aber wir haben damit was ganz Besonderes geschaffen.

Werbemittel Hofbräuhaus Traunstein

MS: Wir haben es geschafft, den Charakter, die Seele jedes einzelnen Bieres rauszuarbeiten. Das war wirklich ein Booklet von mehreren Seiten pro Biersorte, das als Briefing an die Designer ging. Und die haben dann in liebevoller Handarbeit jedes einzelne Etikett handgezeichnet, so dass es kleine Kunstwerke geworden sind.

Etikette zeichnen Bier Marketing

Die Spannung steigt. Es geht in die letzte Korrekturphase

MS: Wir hatten dann wirklich die Etiketten im zweiten Gang schon so gut, aber trotzdem hast Du immer nochmal ein paar Details gebracht, wo Du sagst:

„Achtet mal auf dies, achtet auf das.“ Das waren halt noch ganz wertvolle Hinweise von Dir. 

UW: Ja das fand ich auch nochmal eine Sternstunde. Wo wir nochmal gesagt haben: Wie bringen wir eine Linie rein, dass wir eine Produktfamilie haben? Es muss Selbstähnlichkeiten geben zwischen den einzelnen Biersorten und den Etiketten. Aber gleichzeitig brauche ich eine hohe Individualität jedes einzelnen Bieres. Das auszuloten war noch der letzte Baustein.

Die neuen Etiketten – ein Meisterwerk

UW: Als ich dann die Ergebnisse gesehen habe war ich so glücklich und hatte wirklich das Gefühl: Das ist ein Meisterwerk.

MS: Ja – und so fühlt es sich für uns auch an.

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Was ist Storytelling

Was ist Storytelling?

Was ist Storytelling
Was ist Storytelling

Was ist Storytelling?

Als ich das Glück hatte, von dem legendären Filmemacher, Fernsehproduzenten, Autoren und Philosophen Prof. Alexander Ernst Kluge zum Thema Storytelling interviewt zu werden, kam ich pudelnass im Studio an. Draußen tobte ein Jahrhundertsturm.

Herr Kluge lieh mir sein Sakko, das mir aber an den Schultern viel zu eng war. Daran liegt es, dass ich weniger gestikuliere - aber wenigstens war ich trocken.

Diese kleine Anekdote ist eigentlich sinnbildlich für das, was Alexander Kluge ausmacht. Er ist wirklich interessiert an Menschen, an ihren Geschichten und ihrem Wohlergehen – ein Zuhörer.

Dieses TV-Interview lief 2017 bei RTL auf einem ganz besonderen Sendeplatz. Denn Kluge ist es mit der Gründung der dctp (Development Company for Television Program) 1987 gelungen, eine Plattform für unabhängige Programme im deutschen Privatfernsehen zu schaffen. Sein Bestreben ist dabei:

„Das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet“.

Einige der Themen, die wir in unserem intensiven Austausch über Storytelling ansprechen:

Teil 1: Storytelling

– Was unterscheidet Erzählen von Information?

– Wieso ist das chronologische Erzählen so wertvoll?

– Wieso ist Zuhören für Storytelling so wichtig?

– Wie die Unterdrückung von Individualität zu Krisen und Kriegen führen kann.

– Was ist die Heldenreise? Und wie hat George Lucas diese Methode in Star Wars angewendet?

– Die Aufgabe des Traumas in einer Geschichte? Und die der Gefährten?

– Was macht einen Held aus?

– Was sind die Vorteile multiperspektivischen Erzählens?

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Teil 2: Jedes Tischtuch erzählt eine Geschichte

– Warum jeder Mensch interessant ist – und evolutionäres Know-how in sich trägt.

– Wie wir mit guten Geschichten das Leben erzählen können.

– Wie werden aus Geschehnissen Geschichten?

– Warum Geschichten Zeit und Humor brauchen.

– Wieso auch Tiere und Pflanzen kommunizieren – und wir ihre Sprache oft nicht (mehr) entschlüsseln können.

– Wer sind meine Lieblingserzähler? Wo bekomme ich meine Inspirationen?

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Heldenreise 12 Stufen

Die Heldenreise – The Hero’s Journey

Heldenreise 12 Stufen
Die 12 Stufen der Heldenreise

Die Heldenreise – The Hero's Journey

Die 12 Stufen der Heldenreise – kompakt erklärt am Beispiel des New York Times Videos „Slomo“.

Die Heldenreise ist das „Modell“, das allen erfolgreichen Hollywoodfilmen zugrunde liegt. Ob Star Wars oder Harry Potter, Pretty Woman oder Findet Nemo – jeder dieser Filme ist nach dem Grundmuster der Heldenreise gebaut. „The Hero’s Journey“, ursprünglich erforscht vom großartigen, amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell. Und in Hollywood vor allem bekannt geworden durch Christopher Voglers Buch „The Writer’s Journey“ (Die Odyssee des Drehbuchschreibers).

Jeder erfolgreiche Songtext, jeder Bestseller fußt auf der Heldenreise. Jede gute Geschichte, die Du Dir merkst und aus der Du etwas lernst, folgt ihrem Muster. 

Damit auch Du von diesem dramaturgischen Wissen profitieren kannst, erklären wir Dir in diesem Post kompakt die 12 Stufen der Heldenreise. Und illustrieren jede einzelne Station der Heldenreise verständlich am Beispiel des New York Times Videos „Slomo“. 

So holst Du das Maximum aus diesem Blogpost raus:

    1. Schau das komplette Video an und lass es ohne Vorkenntnisse auf Dich wirken. 
    2. Lies die einzelnen Stufen der Heldenreise durch und versuch nachzuvollziehen, wie sie in „Slomo“ umgesetzt sind.
    3. Schau Dir das Video erneut an und nimm dabei den Timecode zu Hilfe, um die Anwendung der Heldenreise besser zu verstehen. 
    4. Achte auf Musikwechsel – diese weisen oft einen Stufenwechsel hin.
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Das New York Times Video „Slomo“.

Die Heldenreise erklärt am New York Times Video "Slomo"

Bevor wir jetzt mit den Stufen der Heldenreise beginnen: Es gibt eine Besonderheit in Slomo. Die Filmemacher haben sich entschieden, in der Jetztzeit zu beginnen. Deshalb wird die ersten fast zweieinhalb Minuten eine Miniatur, sprich eine Zusammenfassung von Slomos Geschichte erzählt.

Miniatur in Slomo 0:00-2:23

„I’d say that before Slomo I became the typical institutionalized, educated western man. But now I consider myself like a tip of a great iceberg of consciousness.“ 

Warum das wichtig ist? Um direkt zu verstehen: die Heldenreise bietet viele Möglichkeiten und muss nicht starr genutzt werden. Sie kann in andere Erzählsysteme eingebunden werden. Sie kann variiert werden. Ratsam sind solche „Ausreißer“ aber erst, wenn man das System einmal in seiner Grundstruktur verstanden hat und anwenden kann.

Heldenreise Uwe Walter
Heldenreise Storytelling

Die 12 Stufen der Heldenreise

1. Gewohnte Welt

Die Gewohnte Welt ist die, die Du in- und auswendig kennst. Sie ist vorhersehbar und bietet Dir große Sicherheit. Montagmorgen, Beginn der Arbeitswoche. Mittwoch Tennis. Am Sonntag ein Ausflug mit der Familie. 

Aber die Gewohnte Welt ist auch eine Welt des Mangels. Sie ist weder aufregend und besonders, noch gibt es überraschende Momente am laufenden Meter. Nur Dich und Dein typisches Verhalten. 

Wenn Du Dich fragst: 

– „Was sind meine Träume?“

– „Worüber ärgere ich mich am meisten?“

– „Und was würde ich gerne machen, wenn ich frei entscheiden könnte?“

resultieren Deine Antworten meist direkt aus den Mängeln der Gewohnten Welt. 

Gewohnte Welt in Slomo: 2:24-3:11

„I had a full practice and I was going to all these different hospitals and doing very well. And it was kind of the zenith of manhood.“ 

2. Ruf zum Abenteuer

Wenn der Held den „Ruf zum Abenteuer“ hört wird ihm klar, dass er sich aus seiner Gewohnten Welt herausbewegen muss. Seine Komfortzone verlassen muss. Denn wenn die alte Welt Mängel hat, braucht es nur eine kleine Instabilität, um mitten drin zu sein, im Abenteuer.

Dein Ruf zum Abenteuer ist Dein erster unverstellter Blick auf das, was sein KÖNNTE. Deine innere Stimme spricht zu Dir und sagt „Das muss ich ausprobieren. Ich will wissen, ob ich das kann. Ich will endlich mein Leben beginnen. Ich will das machen.“ 

Ruf zum Abenteuer in Slomo 3:12-3:55

„Do what you want to.“ 

3. Verweigerung des Rufs

„WAAAS? Jetzt hat meine Gewohnte Welt einen Mangel, ich habe den Ruf zum Abenteuer gehört – und JETZT soll ich ihn verweigern?“

Nein, Du sollst nicht: Du wirst. Einfach weil es in unserer Natur liegt. Sobald Deine Berufung oder der Mensch, der Du im besten Fall sein könntest, zum Greifen nah sind, wirst Du Entschuldigungen suchen. 

Du spürst schon jetzt, dass das bevorstehende Abenteuer viele Herausforderungen für Dich bereithält. Du wirst jede Menge Energie brauchen, um sie zu bewältigen. Dein ganzes Leben wird sich verändern. Ein guter Grund, um zu sagen: “Warte eine Sekunde! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich will!”.

Verweigerung des Rufs in Slomo 3:56-6:20

„I was lost in a rational world for a good 20 years after that.“ 

4. Begegnung mit dem Mentor

Der Mentor ist eine „Quelle der Weisheit”. Jemand, der in einem bestimmten Bereich mehr weiß als Du. Meist, weil er mehr Erfahrungen gesammelt hat. Du kannst mit jeder Frage zu ihm gehen (und ich bin mir sicher, dass Dir beim Lesen dieser Zeilen jemand einfällt, der in Deinem Leben ein Mentor war). 

Vielleicht ist Dein Mentor schon immer da, vielleicht kennst Du ihn erst seit einer Woche. Zeit spielt keine Rolle. Es zählt nur, dass der Mentor auf einem „Wissensschatz“ sitzt, der Dein Wachstum fördert. Damit ist er für Deine persönliche Entwicklung von größtem Wert. Nur er hat Informationen, die Dir helfen, Dich auf Deine Berufung und nicht auf Deine Angst zu konzentrieren. 

Begegnung mit dem Mentor in Slomo 6:21-7:30

„And I remembered that old guy saying „Do what you want to.“ 

5. Überschreiten der ersten Schwelle

Das Überschreiten der ersten Schwelle ist der Moment, in dem Du etwas tust, was sich nicht umkehren lässt. Davor war die Veränderung eher ein Gedanke, ein mögliches Konzept. Ab jetzt bist Du der Veränderung verpflichtet und gehst voll in ihr auf. 

Du kündigst Deinen alten Job. Du meldest Dich für den Malkurs an. Fängst an Dein Buch zu schreiben. Schreibst Dich für ein Studium ein. Solange es ein aktiver Schritt in Richtung Talent, Traum und Berufung ist, ist es Dein metaphorischer Übertritt in die besondere Welt, den zweiten Akt Deiner Reise.

Überschreiten der ersten Schwelle in Slomo 7:31-8:22

„Everyday I would come out and just skate as long as I could.“ 

6. Bewährungsproben, Verbündete, Feinde

In der 6. Stufe der Heldenreise lernst Du viele neue Menschen kennen. Für einige ist Deine Reise eine Bedrohung – schließlich bist Du neu in ihre Welt gekommen und willst dort einen Platz einnehmen. 

Spätestens ab jetzt wirst Du beginnen, zu sagen was Du denkst. Das wird Dir zwar ein paar neue Feinde, aber auch jede Menge Verbündete einbringen. Verbündete sind besonders wichtig, weil sie Dir die Regeln der neuen Welt beibringen und Dich herumführen. 

Bewährungsproben, Verbündete, Feinde in Slomo 8:23-11:25

„Almost nobody thought I was normal – even me.“

7. Vordringen in die tiefste Höhle

Ein Redewendung, die diese Stufe präzise beschreibt: „Es fällt mir wie Schuppen von den Augen.“ Plötzlich siehst Du kristallklar – auch Deinen Antagonisten. Du begreifst, welcher Kollege an Deinem Stuhl sägt. Und warum Du nicht den Hauch einer Chance hast, den letzten Betreuungsplatz im Kindergarten zu ergattern. 

Gleichzeitig erkennst Du auch Deinen größten inneren Feind. Das kann Deine Passivität sein oder Deine Unfähigkeit, ein Geheimnis für Dich zu behalten. Vielleicht ist es auch Deine Gutgläubigkeit oder Dein Wunsch, Dich mit allen gut zu verstehen. 

Das Vordringen in die tiefste Höhle ist der Tag vor dem dramaturgischen Klimax, der Tag vor dem Showdown. Der Alarmknopf ist in Reichweite – aber noch ist nichts passiert. Nur, dass Du erfasst hast, was geschehen könnte. Du stehst Auge in Auge mit dem, was oder wen Du am meisten fürchtest. 

Vordringen in die tiefste Höhle in Slomo 11:26-13:08

„Everybody has the capacity to dream up and believe anything he wants to.”

8. Entscheidungskampf

Etwas ändert sich – ohne die Möglichkeit, es wieder rückgängig zu machen und die alte Weltordnung wieder herzustellen. 

Es ist der Moment, vor dem Du am meisten Angst hast, weil Du spürst, dass er Dich am meisten verändern wird. Du schaust dem Tod ins Auge, weil ein alter Glaube oder ein Wertesystem stirbt. Oder weil es z.B. bei einem Unfall oder am Sterbebett der eigenen Eltern wirklich um den Tod geht. Vielleicht ist es etwas ganz anderes, was Dich verändert: Du bekommst ein Kind oder verrätst Dein größtes Geheimnis. 

Jedenfalls ist das DIE Situation, vor der Du Dein ganzes Leben lang Angst hattest. Aber: ohne Schmerz keine Verwandlung. 

Entscheidungskampf in Slomo 13:09-13:23

„I don’t identify as a doctor anymore. At this point I am just trying to get through the rest of my life without becoming an asshole again.“ 

9. Belohnung und Ergreifen des Schwerts

Nachdem der Held im Entscheidungskampf „stirbt“ und wiedergeboren wird, wird in Stufe 9 ausgiebig gejubelt. Große Freude und auf das Geschaffte machen sich breit. Du hast gewonnen – und jetzt bekommst Du die Belohnung. 

Dein Schiff ist leichter, Du siehst wieder klarer und fühlst Dich frei. Dein Körper ist wie energetisiert und Du würdest am liebsten sofort mit allem loslegen. Jetzt beginnt die wichtigste Reise Deines Lebens: die Reise zu Deinem wirklichen Selbst. 

Belohnung und Ergreifen des Schwerts in Slomo 13:24-14:02

„The people that love Slomo are cheering for one person that got away.“ 

10. Rückweg

Der Rückweg ist gleichzeitig eine erneute Hinwendung zur Veränderung. Wir müssen Zweifel und Ängste überwinden und uns wieder dem Abenteuer zuwenden. 

Rückweg in Slomo 14:03-14:16

„This is your ‚good old days’. It only gets worse from here on OK?”

11. Erneuerung/Verwandlung

Die Stufe 11: Das kannst Du sein, wenn eure Kinder endgültig das Haus verlassen und Du mit Deinem Partner zum ersten Mal wieder so lebst, wie ihr das vor eurer Familiengründung getan habt. Liebevoll einander zugewandt, aber mit einer viel tieferen Verbindung als früher. 

Eine andere Funktion dieser Stufe ist die Reinigung. Ihr versöhnt euch wirklich, lacht wieder miteinander und alles was euch vorher gestört hat, scheint verflogen. 

Diesmal steht nicht “nur” eure geistige und körperliche Gesundheit auf dem Spiel. Jetzt geht es um das Wohlergehen einer ganzen Welt, manchmal auch Wertewelt. 

Erneuerung/Verwandlung in Slomo 14:17-14:21

“Gentlemen, we are ready to skate.“

12. Rückkehr mit dem Elixier

In der letzten Stufe der Heldenreise kehrst Du mit dem Elixier zurück. Was heißt das genau? 

Du erreichst jetzt einen Status, in dem Du es schafft, den höchsten Nutzen all dessen, was Du auf Deiner Reise gelernt hast, in Dein Leben zu integrieren. Dadurch wird Dein Leben viel besser. 

Rückkehr mit dem Elixier in Slomo 14:21-15:29

Slomo skatet bei Sonnenuntergang auf dem Pacific Beach Boardwalk in San Diego. 

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Ideen Design Thinking Stanford

Design Thinking Workshop an der Stanford Universität

Design Thinking Prozess Stanford

Design Thinking Prozess

Design Thinking Workshop an der Stanford Universität

Kennengelernt habe ich die Methode bei einem Design Thinking Workshop an der Uni Liechtenstein bei Professor Larry Leifer von der Stanford University. Und gleich verstanden:

Design Thinking ist nicht nur ein Methodenbündel, sondern eine Lebenseinstellung.

Dem zugrunde liegt die Haltung, Menschen zu mögen. Zu sagen: Jeder Mensch ist wichtig. Jedes Team kann kreativ sein – wie bei den Fab Four, den Beatles. Kein einzelner Beatle wäre so berühmt geworden, wie die vier zusammen. Weil sie sich in ihren Talenten und ihrer Kreativität optimal ergänzt haben.

Uwe Walter und Larry Leifer in Stanford beim Design Thinking Workshop
Design Thinking Workshop bei Larry Leifer von der Standford Universität.

Besuch bei Larry in Stanford

Nach der Veranstaltung war ich so fasziniert, dass ich Larry in Stanford besucht habe. Er hat mich in ein Projekt seiner Klasse ME 310 (ME steht für Mechanical Engineering) eingeladen. Diese hat viele Kooperationen mit großen Konzernen wie BASF, Philipps oder IKEA. In Workshops beschäftigen sich die Teilnehmer im Sinne von Design Thinking mit Fragestellungen der Industrie.

Meine Erkenntnisse als Coach über den Design Thinking Prozess, jeden Schritt, jede Phase und die Magie der Innovation möchte ich heute gerne mit Dir teilen.

Uwe Walter Storytelling Coach
d-school Stanford University
Design Thinking Phasen Larry Stanford
Larry Leifer unterrichtet die Klasse ME 310 an der d.school (School of Design Thinking) im Hasso Plattner Institut in Stanford.

Wie geht Design Thinking?

Wie entwickele ich etwas für einen Kunden? Und wie setze ich diesen Kunden radikal in den Mittelpunkt? Indem ich ihn definiere und ein Interview mit ihm mache. Ihn kennenlerne und ihn frage, welche Probleme er hat – oder wie er zu einem bestimmten Problem, einer Herausforderung steht.

Aus diesem Kennenlernen des Kunden, diesem hemmungslosen Hinhorchen, diesem tiefgründigen Verstehen, was der Kunde will (und wie er es will), kann ich Lösungen ableiten. Aber zuerst muss ich verstehen, wie er handelt, denkt und fühlt. Empathie spielt bei jedem Design Thinking Prozess eine bedeutende Rolle.

Ein berühmtes Design Thinking Beispiel:

Es kommt immer wieder vor, dass Kinder Schwierigkeiten mit CT Untersuchungen haben. Der umlaufende Elektromotor und der Scanner, der sich in einer Turbine dreht, machen solch einen Lärm, dass die Kinder auf der Trage Ängste bekommen. Sie weinen, sind verzweifelt und wollen nicht in das CT geschoben werden.

Das führt dazu, dass die betriebswirtschaftliche Kalkulation nicht mehr funktioniert. Würde man für eine sinnvolle Auslastung beispielsweise jede halbe Stunde einen neuen Patienten ins CT schieben, ist das mit weinenden Kindern natürlich nicht mehr möglich – und das Gerät amortisiert sich nicht.

Also hat man beim Design Thinking Prozess überlegt:

Was müssen wir tun, damit die Kinder mit dem CT besser klarkommen?

Bei Gesprächen mit den Kindern haben diese erzählt, dass sie Angst vor dem Gerät haben, weil sie nicht wissen, was mit ihnen passiert. Also hat man eine Geschichte erfunden und die CTs bemalt, zum Beispiel wie ein Schiff mit einem Bullauge. Dann wurde den Kindern ein Spiel passend zur Bemalung angeboten, um sie von ihren Ängsten abzulenken.

Ein schönes Beispiel von Astrid Piskora (CSR, Disney):

Noch besser hat es Disney im Jahr 2019 im Deutschen Herzzentrum München umgesetzt, um Kindern die Angst vorm MRT (Kernspin) zu nehmen. Hier kommen den Kindern Disney Helden zur Hilfe.

Während der Untersuchung können die Kinder über eine spezielle VR-Brille (ohne Metallteile), beliebte Disney Serien und Filme anschauen. Die Helden erscheinen den Kindern durch die Video-Brille wie auf einer Kino-Leinwand, die drei Meter entfernt steht. Bereits vor der Untersuchung dürfen die Kinder einen Disney Film aus der DVD-Sammlung aussuchen und werden so vor der bevorstehenden Untersuchung auf schöne Gedanken gebracht. 

Disney MRT

Beide Bilder ©The Walt Disney Company (Germany) GmbH

Design Thinking anwenden

Natürlich können wir Design Thinking auch nutzen, um andere Dinge als „nur“ Industrieprodukte zu entwickeln. Wir könnten das Prinzip anwenden, um Filme zu entwickeln.

Ich kann zum Beispiel Ehepaare befragen, wie sie Partnerschaft erleben, was sie unter Liebe verstehen, wie sie Intimität und Gespräche erleben. Wie teilen sie ihren Lebensraum miteinander? Auf welche Weise verbringen sie Zeit miteinander? Wie setzen sie ihre Lebensträume um? Und wie nehmen sie wechselseitig Energien und Nähe wahr?

Aus diesen Befragungen der Zielgruppe kann ich Muster ableiten, was genau die Herausforderungen von Ehepaaren sind. Dann Ideen entwickeln, welche Geschichte ihnen gut tun würden – und diese in Form eines heilsamen Films erzählen. Aber Stoffe so zu entwickeln ist noch nicht üblich.

In der Industrie schon. Da finden die Meinungsforscher heraus „Frauen mit dünnen Haaren hätten gerne mehr Volumen“. Und die Produktentwickler überlegen sich, wie sie für dieses Problem ein Produkt wie zum Beispiel einen speziellen Lockenstab maßschneidern können. 

Verstehen, Empathie, Synthese, Ideen, Prototyping, Testen

Design Thinking Prozess Phasen

Im Design Thinking Workshop der d.school in Stanford

Es war ein ungeheuerliches Erlebnis zu sehen, wie produktiv kleine Teams werden, wenn sie mit der Design Thinking Methode arbeiten. In dem Workshop, den ich besuchen durfte, haben sich Teilnehmer verschiedener Firmen mit dem Thema „alt sein“ beschäftigt. Dazu gingen sie in Altenheime, haben mit den Seniorinnen und Senioren geredet und diese gefilmt, um ergebnisoffen herauszufinden „Was sind die Bedürfnisse von alten Menschen?“

„Was sind die Bedürfnisse von alten Menschen?“

Theoretisch hätte alles dabei herauskommen können. Die einzige Maßgabe war: „Beschäftige Dich mit alten Menschen.

Mit Empathie und Verständnis zur Lösung.

Eine in den Gesprächen wiederkehrende Herausforderung war, dass alte Menschen, die alleine wohnen und nicht mehr gut zu Fuß sind, häufig Rollatoren brauchen.

Wenn sie auf die Toilette gehen wollen, haben sie ein Problem mit der Tür, die ja einmal zum Körper hin aufgeht und damit eine Barriere darstellt. Die Frage war: Wie können wir diese Barriere wegbekommen?

Bei den Befragungen hat das Projektteam herausgefunden: Alte Menschen wohnen in der Regel in zwei bis drei Zimmer Wohnungen, haben also fünf bis sechs Türen, deren Bedienung sie bewerkstelligen müssen. Auch wenn manche Türen offenbleiben können – andere können es eben nicht. Also das Projektteam überlegt: Wie viel Geld haben die alten Menschen im Durchschnitt an Rente zur Verfügung? Sind sie Mieter oder gehört ihnen die Wohnung?

Wie schaffe ich ein Problem mit einer Lösung aus der Welt?

Am Ende haben sie herausgefunden, dass die Senioren bei dem, was sie an Rente haben, für einen Türöffnungsmechanismus nicht mehr als 100 $ ausgeben können. Wenn sie sterben oder umziehen, muss der Türöffnungsmechanismus einfach und bestenfalls rückstandslos abbaubar sein. Es war also klar: Löcher bohren und anschrauben kommt nicht in Frage. Es muss eine Lösung sein, bei der der Mechanismus geklebt wird.

So entstand ein sehr genaues Profil und das Team hat dann genau solch einen Mechanismus entwickelt und als Prototyp gebaut. Spannend ist, dass in der Gruppe nur ein Ingenieur war – ein anderes Mitglied war zum Beispiel Fußballspielerin. Aber bei Design Thinking geht es eben um mehr als die reine Funktion – es geht um die ganzheitliche Betrachtung eines Nutzens. Außen wie innen. Wie schaffe ich ein Problem mit einer Lösung aus der Welt?

Dieses „Entwicklungsdenken“, dieser Weg von der Frage zur Antwort, vom Mangel zur Lösung – das ist auch das Geheimnis das jede Geschichte präsentiert.

Design Thinking und Storytelling sind wie narrative Zwillinge. Nur dass beim Design Thinking Prinzip die Probleme im realen Leben praktisch gelöst werden. Und beim Storytelling eine Lösung, ein Gedankenspiel angeboten wird. Zwei Tools, die sich ideal ergänzen.

Die d.school in Stanford – Einblicke in die Räumlichkeiten

Leland Stanford hat die Stanford University gegründet, weil sein einziger Sohn gestorben ist. Sein Kind war so neugierig und interessiert, dass die Eröffnung einer Universität zu seinen Ehren eine tröstende und Hoffnung erweckende Aufgabe war.

Ideen Design Thinking Stanford
Die Stanford Memorial Church und Campus.
Design Thinking Stanford University

Unterschiedlichen Welten gemeinsam an einem Ort

Stanford wurde als „Harvard des Westens“ geplant und besteht aus vielen kleinen Seminargebäuden im mexikanischen Stil. Die d.school ist im Zentrum des Kerncampus.

Hasso Plattner Institut Design Stanford
Design Thinking Workshops Idee

Die eine Hälfte des Gebäudes ist von Designern belegt, die andere Hälfte von Maschinenbauern. Inmitten des Erdgeschosses befindet sich eine Halle, die beide Teile verbindet und in der man sich begegnen kann. 

Hier treffen die unterschiedlichen Welten im öffentlichen Raum aufeinander – bei Events, Vorträgen und Präsentationen.

Thinking Prozess Phasen

Drumherum sind lauter multifunktionale Räume angeordnet, die ständig neu belegt werden. Morgens macht eine Gruppe Yoga, eine Stunde später ist ein Design Thinking Workshop, dann findet eine Vorlesung statt.

Im ersten Stock ist der Arbeitsbereich mit den flexibel einsetzbaren Wänden. Denn die Idee beim Design Thinking ist: Du hast einen flexiblen Raum, wo Du einen Workshop machen kannst – aber auch zehn Workshops gleichzeitig. Damit Du den Raum aufteilen kannst, damit er mal größer und mal kleiner ist, brauchst Du flexible Trennwände. Deshalb ist an der Decke ein Schienensystem installiert, um die Räume jederzeit nach Bedarf unterteilen zu können. Die Trennwände lagern stehend in speziellen Wägen und können einfach zum Aufhängungsort gefahren werden.

Jeder Raum ist wie eine kleine Bühne, auf der nur ein Problem gelöst wird. Daran arbeiten alle kooperativ im Stehen, an Stehtischen. An die flexiblen Wände kleben die Teilnehmer bunte Zettel, die farblich sortiert werden – immer von Hand geschrieben. Diese händische Zusammenarbeit an Whiteboards, mit abwischbaren Stiften und Post its macht Spaß und entzündet die Kreativität.

Stanford Räume

Kreativität statt Materialismus

Es soll alles nicht viel Geld kosten, damit die Teams nicht aus Respekt vor dem Material ihre Ideen unterdrücken. Die Materialien sollen einfach da sein und genutzt werden, um die Probleme zu lösen – und nicht als wertvolles Gut wahrgenommen werden, das man besser nicht anfasst.

In der d.school wird alles dafür getan, einen provisorischen Workshopcharakter zu vermitteln. So trauen sich die Teams, Dummmies und Prototypen aus einfachen Mitteln zu bauen, die nicht schön sein müssen.

Kreative Ideen Workshops

Ganz wichtig, damit die Funktionalität der d.school Räumlichkeiten immer erhalten bleibt, sind die Floorplans. Auf ihnen ist der Ruhezustand des Raumes festgehalten. Grundrisse mit genauen Angaben, wo was hingehört und wie der Raum verlassen werden muss.

Denn auch, wenn in den Workshops die Räume auf jede mögliche Art genutzt werden und die Teams alles durcheinanderwirbeln dürfen: am Ende muss alles wieder genau wie auf dem Floorplan angeordnet werden.

d.school Stanford Workshop Larry Leifer

So bleibt auch die Energie und der Nutzen der Räume voll erhalten und kann dem nächsten Team bei seinen Herausforderungen die volle Unterstützung bieten.